NUANCEN – DIE WELT DES DAZWISCHEN
Deutschlandfunk Essay und Diskurs
https://www.deutschlandfunk.de/nuancen-die-welt-des-dazwischen-100.html
Nuancen sind jene kaum wahrnehmbaren Verschiebungen, die binäre Ordnungen unterlaufen. Die Weigerung, sich für eine Seite zu entscheiden, wird zum Widerstand gegen allzu einfach gedachte Verhältnisse. Sie zu erkennen, schärft den Blick für das Dazwischen, für das, was leicht übersehen wird. Nuancen machen den Unterschied. Sie unterscheiden und differenzieren. Sie stufen ab – die Höhe, die Farbe, die Dichte, die Bedeutung, die Form, das Kontinuum – und werden zu einer Schule des Denkens.
Nuancen bestehen im Widerstand gegen das Absolute. Zwischen wahr und falsch, Gut und Böse, Sein und Schein, Existenz und Essenz, Mann und Frau öffnet sich ein Raum, in dem Urteile unsicher werden und das Erkennen der Wirklichkeit beginnt.
Thomas Palzer, geboren 1956, studierte Philosophie und Germanistik in München und Wien. Er ist Autor, Essayist, Journalist, Schriftsteller, Filmemacher und Hörfunksprecher. 2018 erschien der Essay „Vergleichende Anatomie“ (Matthes & Seitz) und 2019 der Roman „Die Zeit, die bleibt“ (Tropen).
Fifty Shades of Grey – 50 Schattierungen von Grau lautet der Titel einer Fanfiction-Trilogie, die, von der Britin Erika Leonard alias E. L. James verfasst, 2011 in einem kleinen australischen Verlag publiziert wurde und deren zunächst nur durch Mundpropaganda ventilierter, explosiver Erfolg dazu führte, dass alle drei Bücher in den Jahren darauf in 52 Sprachen übersetzt und schließlich verfilmt wurden.
Fifty Shades of Grey hat die Nuance prominent gemacht.
50 Grautöne – Fifty Shades of Grey, im Englischen eine Redewendung, die auf die verschiedenen und teils widersprüchlichen Facetten und Charakterzüge anspielt, die in einem einzigen Menschen nebeneinander existieren können.
Ich ist ein anderer, lautet die berühmte Formel, mit der Arthur Rimbaud diesen Befund kommentiert hat.
Der Name des Protagonisten aller drei Bücher lautet: Christian Grey.
Fifty Shades of Grey.
50 Facetten eines Menschen.
Auch wenn die Zahl 50 im Titel es nahelegt, scheint mir die Nuance aber nicht etwas zu sein, das einfach quantifizierbar wäre. Zwar gibt es gewiss 50 und mehr Abschattungen von einer Farbe wie Grau oder jeder anderen, aber anders als jede konkrete Farbabstufung, deren Mischungsverhältnis mathematisch angegeben werden kann, ist die Nuance selbst deshalb nicht das Ergebnis eines infinitesimalen Ableitungsprozesses. Vielmehr eröffnet sie einen neuen Raum, in dem sich ganz sachte die Bedeutung verschiebt. Von dezentem Grau etwa zu kühlem Blau und von da ins satte Grün.
Jede Nuance ist es mit eigenem Recht, sonst wäre sie keine. Die Nuance als sensibler Übergang neigt eher den verschachtelten Satzgebilden zu, die in der Grammatik Hypotaxe heißen, denn der strikten Hierarchie von Haupt- und Nebensatz. Sie ist exzentrisch. Sie fällt aus der Rolle.
Anders als das Exakte und durch und durch Bestimmte gehören Nuancen zum ungenauen menschlichen Maß: Sie garantieren einen geradezu metaphysischen, nicht messbaren Ausgleich. Wo keine Nuancen vorhanden sind, herrscht das Grobe, Schallende, Simple, das Dogma und der Binarismus und der Lärm des Durcheinanders. Schreiende Nuancen gibt es nicht.
Der Zweifel, seiner Natur gemäß eher still als laut, hat die Form der Nuance.
Nuancen sorgen auf subtile Weise für Kohärenz, sind aber selbst nicht zwangsläufig kohärent. Nehmen wir das Kontinuum der Grundfarben. Kontinua sind simpel; sie sind kohärent, weil sie einer Logik folgen wie im Fall der Frequenzbänder oder der Licht- beziehungsweise Lautstärke. Getönte Farben, gefärbte Töne.
Die Logik, der ein Kontinuum üblicherweise entspringt, ist die Abstufung, die Skala. Die Stufen sind vorhersehbar genormt.
Nuancen setzen jedoch die Ordnung einer Skala nicht notwendig regulär fort, nicht immer im gleichen Rhythmus, sondern können diesen beschleunigen oder verlangsamen – oder stattdessen sogar die Ordnung selbst aufs Spiel setzen, um neue, überraschende Verbindungen zu knüpfen. Man denke an die Lautverschiebungen innerhalb der europäischen Sprachen, wo neue Bedeutungen generiert wurden. Außerdem muss Bedeutung, etwa die von Blau, nicht immer ins Naheliegende verschoben werden, zum Beispiel nach Blaugrün, sie kann vielmehr auch übertragen werden, ins Metaphorische gehen, etwa, wenn die Stunde zur „blauen Stunde“ wird. Dann kündigt Dämmerung die Nacht an. Die Nuance liegt jetzt nicht mehr in der Qualität der Farbe, sondern ist in die Qualität der Zeit abgewandert. Die Verschiebung ist sozusagen zu einer Vertagung geworden.
Nuance und Metapher überschneiden sich, wenn Übergänge zwischen unterschiedlichen Ordnungen gestiftet werden. Dem klassischen Verständnis näher liegt es aber, wenn die Nuance, eine gegebene Ordnung feinsinniger strukturiert – etwa, indem weitere Ebenen eingezogen werden und diese unter die Kardinalpunkte gewissermaßen eingerückt. Im Sinn einer graduellen Ausdifferenzierung nach innen.
Farben und Töne lassen sich in ihren Spektren verrücken. In der gegenständlichen Welt wird die Aufgabe der Bedeutungsverschiebung vom Schatten übernommen. Schatten konturieren und nuancieren Gegenstände oder lösen diese sogar auf, machen deren Umrisse unscharf und verwischen die Grenze zwischen Vordergrund und Hintergrund.
Wenn Schatten an der Decke spielen, entdecken die Kinder im Bett völlig neue Welten.
Eine Nuance ist zunächst etwas kleines, feines, subtiles; ist hier ein bisschen mehr oder dort ein bisschen weniger; ist einen Hauch satter, eine Idee schwächer; einen Deut mehr nach links oder rechts, höher oder tiefer. Dunkler oder heller. Anders gesagt: Eine Nuance ist schwierig zu bestimmen. Manchmal beschleicht uns der Verdacht, dass Leben und Tod nur in einer winzigen Nuance voneinander geschieden sind. Vielleicht sogar wie der Saulus vom Paulus. Dann aber macht eine Nuance einen Unterschied ums Ganze.
Die Nuance ist dabei nicht eindeutig, sondern nebulös, schleierhaft, wolkig, worauf schon der lateinische Ursprung der Nuance hindeutet: nubes, Wolke. Der Engländer würde vielleicht different, sagen. Eben: schattiert. Nuancen stehen für Komplexität und Komplikation.
Die Nuance ist ein Wahrnehmungsereignis, wiewohl sie oft kaum „gesehen“ wird, eher gefühlt als wahrgenommen, andererseits kann sie für die Wirkung des Ganzen maßgeblich sein. Sie ist also weder plakativ noch versteckt. Sie ist ein Übergang, eine Brücke. Wo fange ich an – und wo hört die Cola-Flasche auf? Die Nuance liegt irgendwo dazwischen.
Sie ist das Dazwischen.
In der Nuance steckt die Weigerung, sich für eine Seite zu entscheiden.
Nicht: entweder – oder; vielmehr: sowohl als auch.
Für Nominalisten wie den amerikanischen Schriftsteller Truman Capote oder den französischen Schriftsteller Julien Gracq ist alles, was es gibt, einzigartig – und als solches auch einmalig. Kein Ei gleicht dem anderen; keiner gleicht einem anderen bis aufs Haar; kein Gedanke gleicht einem anderen. Das Kollektiv, sagt Gracq, macht aus Menschen Erbsen – und Erbsen gehören in die Dose.
Quantitativ einmalig, qualitativ einzigartig – auch hier liegt das Verbindende in einer Nuance. Nicht alles, was einmalig ist, muss einzigartig sein – etwa ein Versehen –, jedoch ist das, was einzigartig ist, eben meistens auch einmalig. Einmalig einzigartig – die Nuance entpuppt sich als mereologischer Tatbestand, also als ein bestimmtes Verhältnis zwischen dem Teil und dem Ganzem.
Nominalisten sind skeptisch gegenüber Allgemeinbegriffen, da von diesen unterstellt wird, dass in Einzeldingen eine allgemeine Natur vorhanden und gegründet ist. Für Thomas Hobbes gab es nichts Universales in der Welt außer Namen – mit anderen Worten: Universales wird vom Sprachgebrauch und dessen Konventionen hervorgebracht, Jedes konkrete Einzelding macht ja Unterschiede geltend – und das gern mit einer Nuance! Die Gegenspieler der Nominalisten, die Realisten oder Universalienrealisten behaupten aber, dass es in der wirklichen Welt Strukturen gibt, die es erlauben, allgemeine Begriffe zu bilden. Ihnen kommt es beispielsweise auf die Apfelhaftigkeit von Äpfeln an. Oder die Schuhschrankhaftigkeit von Schuhschränken. Weil wir uns alle ähnlich sind, zählen wir zur Gattung des Menschen; konkret aber unterscheiden wir uns alle voneinander und jeder von uns beharrt darauf, Individuum zu sein und im Stand der Person.
Die Trennung finden wir schon beim Sprechen vor, denn wenn wir reden, drücken wir das Allgemeine aus, wenn wir aber schweigen, versteht uns niemand. Markiert wird dieses Verhältnis zwischen Individuum und Gattung, Person und Gesellschaft häufig mit Metaphern der Räumlichkeit wie innen / außen. Eine Familie versucht in der Regel, die Einflüsse von außen zu dosieren, um die eigene Binnenwelt nicht zu gefährden. Von innen fühlen wir uns alle verschieden an, für den Arzt aber, der uns von außen betrachtet, der abwägt und misst, sind wir mehr oder minder alle gleich – und als Exempel eines Exemplars darum überhaupt erst zugänglich für eine Behandlung, deren Wirkung ja zuvor erst einmal exemplifiziert worden sein muss.
Innen und außen – zwei Seiten.
Die Nuance bewirkt den Übergang.
Sowohl als auch.
„Weh mir! Ich bin eine Nuance!“, bekennt Nietzsche in Ecce homo.
Im Innen, im Dazwischen, bedeutet das, dass sich für uns alles immer irgendwie anfühlt. Von außen berühren wir den Stoff mit der Hand, doch das Gefühl, das die Berührung auslöst, ist inwendig.
An der Impfkontroverse während der Corona-Krise wiederholte sich auf eigenwillige Weise der mittelalterliche Universalienstreit. Auf der einen Seite die große Verallgemeinerung, mit ihrer Logik, Statistik und Standardisierung, die Unterordnung unter die größte Zahl erzwingt – auf der anderen Seite das nominalistische Beharren auf den persönlichen Einzelfall und die Ablehnung jeglicher Subsumption. Der österreichische Soziologe Alexander Bogner hat in seinem klugen Buch Die Epistemisierung des Politischen darauf hingewiesen.
Der Philosoph Paul Feyerabend gab einen Wink zur Lösung des Problems, in dem er Wissenschaft von realistischer Objektivität freisprach und stattdessen als soziale Praxis identifizierte und als nichts außerdem.
Nuancen sind notorische Dissidenten: Sie verweigern Ordnungen grundsätzlich den Gehorsam. Das gilt speziell für binäre, also eher schlichte, dafür strikte Ordnungen – etwa die Ordnung nach dem Prinzip passt / passt nicht. Wenn es klemmt, ist eine Nuance im Spiel. Und in einem bestimmten Sinn klemmt es immer irgendwo. Von daher die lebenspraktische, umgangssprachlich annoncierte Zwischenlösung: Was nicht passt, wird passend gemacht.
Nuancen bleiben dem Absoluten gegenüber reserviert. Zum Beispiel gehört das Einfache insofern zum Absoluten, als es sich nicht weiter vereinfachen lässt. Nuancen sperren sich gegen Vereinheitlichung und Vereinfachung, mithin gegen Abstraktion, gegen das „Abschneiden“ der Details. Nuancen verschmieren Konturen und Grenzen. Man denke an das von Leonardo da Vinci perfektionierte Sfumato. Oder an den britischen Maler William Turner.
Ein Tag etwa ist mehr als Tag und Nacht, Hell und Dunkel oder die Addition von 24 gleichförmigen Stunden. Er besteht aus Details, Illusionen und Stimmungen – aus der Morgenröte, dem nüchternen Gebet, der allmorgendlichen Zeitungslektüre, aus hohem Mittag, dem unruhigen Dämmer einer Siesta, dem Schäferstündchen, aus der melancholischen Blauen Stunde, aus Träumen und Mitternacht – und aus noch viel, viel mehr.
Mit jeder Sekunde verändert sich alles – Licht, Luft und alle Details, wirklich alles, was in dieser Sekunde und zwischen ihr und der folgenden enthalten ist. Auch die Veränderung selbst, also der permanente Übergang, die permanente Nuancierung zählt zum Tag, seinem unentwegten Lichtwechsel und Stimmungswandel.
Die Nuance ist, wenn man so will, die Komplizin der Zeit, denn die Zeit ist die Nuance als Geschehen. Zeit nuanciert, fächert das Gegebene auf – und eröffnet damit Chancen oder verhängt sie. Einfach nur, weil sie vergeht.
Beginnt Philosophie mit dem Urteil, mit Unterscheidung, vertieft sie sich alsbald in Nuancen. Zwischen wahr und falsch, Gut und Böse, Sein und Schein, Existenz und Essenz, Mann und Frau, Tag und Nacht öffnet sich ein Raum, in dem Urteile unsicher werden.
Diesen Raum bewohnt die Nuance.
Als unfassliches und in sich unabschließbares Dazwischen.
Das Dazwischen beansprucht keinen Raum, denn es besitzt keine Ausdehnung. Das Dazwischen ist innerhalb.
Die Nuance verkörpert die Unendlichkeit nach innen.
Es geht immer weiter. In jeder Nuance steckt immer auch das Versprechen von Freiheit. Jede Nuance erweitert das Spektrum um Möglichkeiten. Eröffnet neue Richtungen. Neue Deutungen. Neue Horizonte. Mit jeder Nuance erhöht sich das Potential für weitere. So gesehen, gleichen Nuancen einer Art radioaktivem Zerfall der Substanz: Einer Zerbröselung dessen, was unten drunter liegt; eine Zerstörung des Fundaments.
Nuancen sperren sich der Begradigung und Vereindeutigung der Welt – und dem Fetisch der Reinheit oder Makellosigkeit. Das Ornament ist kein Verbrechen – und Unreinheit nur eine subtile Weise, den Makel anzuerkennen.
Die Nuance ist damit auch nicht kompatibel mit jenen zutiefst illiberalen und fundamentalistischen Tendenzen, die die gegenwärtigen Gesellschaften zu lähmen drohen: viel Meinung zu haben, aber wenig bis gar keine Ambiguitätstoleranz. Was vom binären Raster wir und sie beziehungsweise ich und du abweicht, muss ausgeschlossen werden.
Die Nuance ist ein entschiedener Gegner des Ausschlusses. Sie ist ihrer Natur nach porös, permeabel, ambig.
Sie ist erotisch – nicht puristisch.
Nuancen verhindern das Einfache. Ganz einfach.
Einfach kompliziert.
So komplizenhaft das Verhältnis zwischen Feinheit und Nuance auch ist: Wenn es um die sogenannten feinen Unterschiede geht, wechselt das Register. Von Wahrheit zu Fälschung. Denn mit der Nuance lässt sich auch dort ein Unterschied konstruieren, wo es eigentlich keinen gibt. Das beruht auf einem Kategorienschwindel. Der formale Unterschied soll Bedeutsamkeit suggerieren, der manierierte Schnörkel etwa moralische Integrität – oder das Geschmäcklerische den Habitus der Persönlichkeit.
Ganz anders als die Nuance, die gern übersehen wird, will der feine Unterschied mit gefälschtem Understatement angeben und die Aufmerksamkeit auf sich versammeln. Aus einer läppischen Sache macht er mehr, als an dieser dran ist.
Warum? Um die Erdenschwere und Hinfälligkeit zu maskieren, der wir alle unterschiedslos unterworfen sind. Der feine Unterschied verwandelt sich so in sein Gegenteil: in pure Prahlerei, in Dünkel. Die sprichwörtlichen feinen Unterschiede, die also einzig gemacht werden, um soziale Distinktionsgewinne zu erzielen, klassifizieren dabei eine Klasse in sich und heben den einen unter lauter eigentlich gleichen ungerechtfertigterweise heraus.
Jorge Luis Borges meint in seinem Essay Die Nichtigkeit der Persönlichkeit: „Mich überkam der Gedanke, dass niemals ein voller, absoluter Moment, der alle anderen barg, mein Leben rechtfertigen würde, dass alle meine Momente provisorische Etappen sein würden, die die Vergangenheit auslöschen und der Zukunft die Stirn bieten, und dass wir jenseits des Episodischen, des Gegenwärtigen, des Detaillierten niemand waren.“
Der Missbrauch der Nuance als Instrument des Dünkels hat allerdings auch eine Gegenperspektive: Den impliziten Appell der Nuance. Im Jargon gesprochen, appelliert die Nuance an das Nicht-Identische, Subjektive und Heterogene. Als Dazwischen ist sie als Phänomen das Andere der Vernunft.
Es gibt nichts, das nur es selbst wäre.
Und: Niemand hat immer vollständig recht.
Mit diesen beiden Sätzen wäre die Nuance halbwegs charakterisiert. Haben Begriffe wie beispielsweise Rechthaben oder Identität die Tendenz, ihren Geltungsanspruch zu totalisieren und sich gewissermaßen im Echo von Hegels Begriffsarbeit „staatstragend“ zu geben, wird diese durch die Nuance angenehm abgemildert und eingeschränkt. Die Nuance ist nicht nur das Andere der Vernunft, sondern auch das Andere der Identitätspolitik.
Feine Unterschiede werden nicht immer von allen wahrgenommen, aber die Bedeutung, die durch sie generiert wird, durchaus. Nicht alle erkennen allerdings die Fälschung. Manche fallen auf den Bluff herein.
Detail und Nuance jedenfalls sind es, von denen die Unterschiede buchstäblich gemacht werden, hergestellt – das Detail als Form der Nuance.
Genau genommen kann man sogar sagen, dass es just der Nuance, so klein sie sein mag, zu verdanken ist, dass die Welt sich nicht zur Gänze vor unseren Augen in Luft auflöst, in eine Realität aus dreidimensionalen Pixeln zerfällt wie im Computerspiel Mindcraft. Dass es aber die Nuance gibt – das rettet die ganze Welt, ihre Totalität. Um es so zu sagen, ist es sie, die Nuance, die die Welt am eigenen Schopf, folglich jedem ihrer Details aus dem Sumpf leerer Abstraktionen zieht. Nur das Detail ist konkret.
Dass die Welt gerettet ist und die Rettung der Schattierung geschuldet, der Abstufung, Nicht-Identität und Verschiebung, zeigt sich natürlich besonders in kulturellen Praktiken wie der Mode, im Geschmack, in der Malerei, in Musik und Literatur. In allem, was mit Bedeutsamkeit aufgeladen ist.
Mode ist Geschmackssache – aber eben nicht allein. Als Wort und erst recht als Praxis ist Mode ein Synonym für Nuancierung und Verschiebung von Bedeutung. Einen Anzug als männlich zu attribuieren oder das Kostüm als weiblich, ist eine Zuschreibung – und Zuschreibungen können überschrieben werden. Eigenschaften lassen sich als Nuancen der Zuschreibung verstehen.
Konkret geht es bei der Mode um Schnitt, Silhouette, Proportion und Kombination – en gros. En détail: um Rocklängen, um die Breite der Revers oder der Krawatte; um den verrückten Schulterpunkt; um die Materialien, deren Schwere oder Luftigkeit. Es geht um Wirkung – und um deren Adjektive, die die binäre Ordnung von männlich / weiblich nuancieren: als klassisch, modisch oder Camp. Als Pose oder Erfahrung, als nonchalant oder geschniegelt, nagelneu glänzend, shabby chic oder patiniert.
Wenn Roland Barthes darauf hinweist, dass die scheinbar beiläufige Erwähnung irgendeines Details den Realitätseffekt eines Textes erhöht – ist es die Nuance, der es gelingt, der nichtssagenden Wirklichkeitstreue, auf die der Text abzuzielen scheint, in Richtung Bedeutung zu verschieben.
Im Geist Flauberts sei folgende Szene imaginiert:
Emma Bovary wartete am Fenster. Auf dem Tisch: ein aufgeschlagenes Buch – und daneben ein Handschuh, dessen Knopf fehlte.
Der fehlende Knopf ist in dieser Szene das entscheidende Detail, das nach Barthes für Realismus sorgt. Es scheint unnütz zu sein, denn es treibt die Handlung nicht voran. In Wahrheit aber öffnet es ein Universum.
Wir fragen uns:
Lebt die Besitzerin des Handschuhs in Armut?
Oder ist sie nur nachlässig? Zerstreut?
Das Detail des fehlenden Knopfs produziert folglich Nuancen – und setzt an die Stelle einer schalen Abschilderung: Schattierungen. Das bewahrt den Handschuh davor, zum belanglosen Utensil zu werden und mit dem Zimmer naht- und fraglos zu verschmelzen.
Nicht auszuschließen ist, dass der fehlende Knopf am Handschuh oder auch anderswo eines Tages modern wird, Mode. Sozusagen Abwesenheit als unübersehbares Detail.
Für Nuancen ist Sprache empfindlich. Darum ist es so schwierig, Sprache zu reformieren: Sie hat ein komplexes, hochnuanciertes System ausgebildet, das dem Gestaltungswillen Grenzen setzt – zumal, wenn er politisch motiviert ist.
Wenn die Bedeutung eines Wortes in seinem Gebrauch liegt, gilt das erst recht für die Sprache und ihre Regeln – im Sinn von Deleuze: Bedeutung geschieht in der Sprache durch Worte und Regeln. Es wäre allerdings ein Fehler anzunehmen, man könnte die Bedeutung beziehungsweise die Regel ad hoc ändern, indem man ihren Gebrauch verändert.
Erfahrung durch Gebrauch hat die Sprache geformt, die Rechtschreibregeln und die der Zeichensetzung. Diese Erfahrung ist eine, die mit Wissen und Zeit gesättigt ist; sie entsteht nicht ad hoc. Der Gebrauch verändert sich nämlich in aller Regel nicht schlagartig, sondern graduell, in Schattierungen, in Nuancen. Um ein Beispiel von Wittgenstein heranzuziehen: Es ist ähnlich wie mit einem Fluss: Das Wasser fließt und ändert sich ständig, das Flussbett hat mehr Bestand, es gibt dem Wasser Halt, weil es aus Sedimenten besteht, die sich zwar im Lauf der Zeit auch ändern, aber eben viel langsamer.
Jedenfalls hat sich diese lange Erfahrung im Umgang mit der Sprache dieser buchstäblich eingeschrieben. Wenn aber die Ratio in Tradition und Gedächtnis eingreift, besteht die Gefahr, dass die Vernunft nicht mehr vernünftig angewandt wird – nicht mehr historisch, sondern so, als sei Vernunft selbst ahistorisch, was ein Fehlschluss ist.
Natürlich moduliert die Sprache ihren Gebrauch und adaptiert Neues im Lauf der Zeit – aber nur ungern ändert sie die Regeln auf Befehl von oben. Ihr Standard kommt nämlich von unten, wie der Grammatiker Peter Eisenberg sagt. Man denke an die Sprachregelung der Nazis, die Guten Morgen durch Heil Hitler ersetzt hören wollten. Es gab Leute, die stolz darauf waren, bis zum Ende Guten Morgen gesagt zu haben.
Denken wir an die Rechtschreibreform Ende der 1990er-Jahre, von der die Getrenntschreibung favorisiert wurde. Roland Kaehlbrandt und viele andere haben darauf hingewiesen, dass früh reif halt etwas anderes bedeutet als frühreif – hingegen zum Beispiel blau und grün ohne Probleme zu blaugrün kompostiert werden können.
Warum Sprache vergröbern, statt ihren Feinsinn und ihre Empfindlichkeit für Nuancen zu steigern?
Das Deutsche befähigt ihre Sprecher dazu, relativ einfach Komposita zu bilden: Das schult den Sinn für Unterschiede. Aus schnell wird pfeilschnell und aus Senf senfgelb, aus blau blauweiß und so weiter.
Und aus Seligkeit wird Saumseligkeit. Die Seligkeit, mit dem Versäumnis zu leben.
Aus dem langen Sommer vermag eine Komposition in der Funktion einer Pinzette einen Tag herauszugreifen – den der Sommersonnenwende.
Ein Kompositum kann jedoch nicht nur die Komplexität erhöhen – es kann auch den Weg nach unten beschreiten, etwa wenn Lifestyle zu Lifestyle-Teilzeit degeneriert.
Sprache und Logik sind nicht kongruent. Gewiss hat auch die Logik ihre Nuancen, aber im Vergleich zur Sprache ist sie weniger elastisch und kann viel weniger Bedeutungen annehmen.
Wenn ich nicht unglücklich bin, bin ich deshalb noch lange nicht glücklich – aber eben auch nicht unglücklich. Die doppelte Verneinung führt zu einer nuancierten Einschränkung – und nicht, wie in der klassischen Logik, zur Verkehrung des Sinns.
Andererseits wird in den sozialen Medien und in der KI unsere Kommunikation spürbar „begradigt“, was eine Folge des Umstands ist, dass das Humane auf das Berechenbare reduziert wird, auf die Logik der Mathematik. Sprache ist aber das humanum schlechthin. Schon deshalb, weil der Mensch, wie Kant meinte, aus krummem Holz gemacht sei. An das passt sich Sprache geschmeidiger an als die vergleichsweise steife und sterile Logik. Jedes Wort hinterlässt auf der Zunge seinen eigenen Geschmack.
Literatur, um die Sprache beim Wort zu nehmen, ist letztlich die Kunst der Nuance. Gelungene Texte plakatieren nicht, sie schaffen Übergänge. Die Nuance rückt den Sinn ins rechte Licht – oder sogar zurecht. Ein Adjektiv, ein Zögern im Satzrhythmus, ein angedeuteter Gedanke, ein ironischer Ton – und die Welt kippt leicht aus der Achse. Wahrheit ist kein mathematisches Resultat und selten eindeutig: Sie ist fein justiert.
Die Nuance ist eine Denkfigur der Sprache – und von daher sind sie sich beide, Nuance und Sprache, gewogen wie ein altes Liebespaar. Insofern Sprache Bedeutung schafft, ist sie zugleich ein System, um diese abzustufen. Sprache ist demnach nichts anderes als Arbeit an der Nuance.
Nur um eine Nuance verändert, bedeutet zum Beispiel ändern etwas anderes als verändern.
Bedeutung ist ein Ereignis, das an der Oberfläche der Sprache statthat. Bedeutung ist kein Attribut wie rot oder haarig, vielmehr muss sie verstanden werden. Bedeutung geschieht; sie ist darum ein Ereignis. Ob ich friere – oder ob es mich friert, ist ein Unterschied. Einmal benötige ich eine Decke, das andere Mal einen Arzt. Die Differenz der beiden Ereignisse hat dabei ihrerseits Bedeutung: Einen Satz zu verstehen, bedeutet etwas anderes, als ihm Information zu entnehmen.
Sprache als unaufhörlicher Prozess der Nuancierung – vom ersten Schrei bis zu jener köstlichen Empfindung, für die die Berliner Lyrikerin Nadja Küchenmeister zum Beispiel folgende Fügung gefunden hat:
„am liebsten hätte
ich mehr von dem, was man empfindet
wenn man tulpen in die vase stellt, dieses
oder jenes gelb, deine hand in meinem rücken
genau ist, was geschieht, ich bin da, nämlich.“
Zur Sprache gehört das Sprechen. Schon die Betonung vermag die Bedeutung eines Satzes zu variieren – ob er spöttisch gemeint ist oder so, dass man aus ihm etwas „heraushören“ kann, was sich von dem, was der Satz an sich aussagt, unterscheidet.
Ein Satz kann vornehm klingen oder banal, hochnäsig oder jovial und so weiter.
Ebenso kann sogar eine nur geringfügig veränderte Position der Wörter die Bedeutung des ganzen Gefüges stark modulieren.
„Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt die Person hervor: „Und niemand sonst“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt die Tatsache hervor: „Und niemand hält mich davon ab“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt den Zeitpunkt hervor: „Und nicht heute“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt die Tätigkeit vor Ort hervor: „Und nicht zum, um davor stehen zu bleiben“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt den Ort hervor: „Und nicht in die Schule“.
Ich werde morgen ins Kino gehen – hebt die Tätigkeit hervor: „Und nicht fahren“.“
…. Heißt es bei Wikipedia.
Da die moderne Literatur das Vertrauen in eindeutige Wahrheiten und feste Charaktere verloren hat, ist es die Nuance, die moderne Literatur konstituiert. Der binäre Gegensatz von gut – böse zum Beispiel existiert in dieser Fraglosigkeit nicht mehr – wenn er dennoch existiert, dann nur in Groschenheften.
Sprache, haben wir gesagt, ist nichts anderes als Arbeit an der Nuance. Und dazu trägt eben die Literatur und ihre Entwicklung entschieden bei – oder kann es jedenfalls. Die Lyrik, der Aphorismus, die Sentenz und vieles mehr sind Formen, die nur dazu dienen, etwas auszudrücken, was sich anders nicht ausdrücken lässt – mithin Nuancen von Bedeutsamkeit.
Auch die Formen der Sprache lassen sich naturgemäß verfeinern und nuancieren – insbesondere durch den Ton, durch Implikation, Ironie, Insinuation, Konnotation, den Subtext und so weiter.
In diesem Sinn haben vor allem die französischen Moralisten den Feinsinn für Sprache und Satzbau geschult – Leute wie Chamfort, La Bruyère, Vauvenargues oder La Rochefoucauld und andere.
La Rochefoucauld sagt zum Beispiel im Hinblick auf manche Äußerungen:
Die Heuchelei ist eine Huldigung, die das Laster der Tugend erweist.
Da haben wir es: Zur sprachlichen Nuancierung gehört das Heucheln!
„Heucheln“ ahmt sprechend die Bedeutung eines Satzes mit der Kopie genau dieses Satzes nach.
Ziemlich raffiniert.
Und sehr schwer, den richtigen Ton zu treffen. Ansonsten Heuchelei ja nicht zu erkennen wäre.
Nietzsche sagt: Man braucht Ohren hinter den Ohren, um die feinsten Nuancen der Aussprache zu hören,
Relativ okay.
Der französische Sprachtheoretiker Henri Meschonnic vertritt in seinem Werk die Ansicht, dass Sprache ihre Bedeutungen weniger aus den Zeichen bezieht beziehungsweise aus deren Struktur und Differenzierung als vielmehr aus Prosodie und Melos – daraus, wie sie (aus-)gesprochen wird.
Bedeutung, Ausdruck, Aussage, Aussehen – die Nuance liebt die Sprache – und die Sprache die Nuance.
Die Nuance will anders sein. Ihre Identität liegt in der Alterität. Deshalb hat sie etwas Zwitterhaftes an sich. Aber sie ist deshalb nicht janusköpfig, denn in ihrer Unentschiedenheit ist sie äußerst entschieden. Sie ist der Ambiguität verpflichtet – nicht mehr ganz da, wovon sie sich wegbewegt, aber sie ist auch noch nicht dort, wozu sie hinstrebt.
Machiavelli sagt von Lorenzo de‘ Medici, er habe zwei verschiedene Wesen in sich, „verbunden durch ein unbegreifliches Gelenk“.
Die Nuance ist so ein Gelenk.
Die Welt der Digitalität ist keine der Nuancen, auch wenn sie hochauflösend ist. Es bleibt bei Null und Eins – geht aber nie dazwischen. Auch infinitesimal langt sie da nicht hin, ins Dazwischen, zwischen Null und Eins.
Genau da sitzt die Nuance.
Da. Und da.
Dazwischen.
Das Ganze, hat Theodor Adorno gesagt, sei das Unwahre.
Wir neigen dazu, dem Philosophen der Frankfurter Schule beizupflichten: Er hat recht. Das Wahre – in vielerlei Hinsicht – ist vielmehr die Nuance: die Abstufung, die Differenz, das Nicht-Identische, Heterogene, Ver-rückte.
Wir bevorzugen und bewundern den granularen Blick, die körnige Sprache, das differenzierte und immer weiter sich ausdifferenzierende Denken.
Wir sagen es so:
Der Fetisch des Binarismus ist das Eine.
Jenseits von Gut und Böse das Andere.
Was wir bräuchten, wäre eine Politik der Nuance.

